Angetestet: McLaren MP4-12C Spider

Ein bißchen peinlich ist es ja schon: Da stellt McLaren einen fast ultimativen Supersportwagen auf die Räder – ein Präzisionsgerät, an dem nicht eine einzige Linie zuviel ist, an dem sich die große Show wie bei keinem anderen Fahrzeug dieser Klasse der Funktion unterwirft. Doch was fordern Kundschaft und Fachpresse? Mehr Lärm, mehr Effekt – und bitte auch noch einen konventionellen Knopf zum Öffnen der Türe. Vergleichstests mit dem Ferrari 458 Italia gingen verloren. Der perfekt reduzierte Sportwagen konnte drei überlauten Auspuffrohren und einem hübschen “Manettino” nichts passendes entgegensetzen.

McLaren hat zugehört: Der McLaren Spider ist für das neue Modelljahr lauter geworden, auch noch ein bisschen schneller, und sein Charakter wurde im “Track”-Modus deutlich nachgeschärft. Doch eigentlich ist ihm die aufdringliche Show noch immer wesensfremd. Nach wie vor ist das Interieur extrem zurückhaltend ausstaffiert, und das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe schaltet die Gänge einfach blitzschnell durch, ohne sich durch Krawall und heftige Schaltrucke zu profilieren. Dafür gibt es jetzt allerdings ein Cabriodach. Puristen können darauf verzichten: Der extrem leichte 12C legt damit immerhin um 40 Kilogramm zu. Über 90 Prozent der Kundschaft sieht das allerdings anders; in diesen Regionen bewegt sich der Spider-Anteil laut Bestelleingang inzwischen. Peinlich? Mag sein. Aber der beste Supersportwagen ist der 12C noch immer.

Was ist das für ein Typ? Es geht um die Spider-Variante des derzeit wohl kompromisslosesten Sportwagens auf dem Markt. Mit dem elektrischen Kunststoffdach steigt das Gewicht an, ohne dass die Fahrdynamik darunter wahrnehmbar litte. Der Materialmix aus Verbundstoff, Aluminium und Kohlefaser sowie die überlegene Aerodynamik verweisen unmissverständlich auf die Rennsport-Gene des MP4-12C. Für das neue Modelljahr ist die Motorleistung auf 625 PS gestiegen, die der McLaren nach wie vor aus einem 3,8-Liter-V8-Biturbo holt.

Wie fährt er sich? Der McLaren MP4-12C Spider ist das perfekte Auto für eine perfekte Welt (ohne Tempolimits). Der Sprint von 0 auf 100 km/h dauert 3,1 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 328 km/h. Er ist ausgesprochen kompakt und übersichtlich, und man fühlt sich am Steuer trotz der enormen Leistung keineswegs überwältigt und eingeschüchtert. Bei abgeschaltetem Stabilitätssystem lassen sich wunderbare Drifts produzieren, allerdings fordert der 12C dann höchste Aufmerksamkeit. Fast keiner ist auf der Autobahn schneller, und erst recht nicht auf der Landstraße.

Kann ich mich darin sehen lassen? Der McLaren ist zurückhaltend gezeichnet und kann von Laien nicht auf Anhieb eingeordnet werden. Weder die Extravaganz eines Lamborghini Gallardo noch die Verspielheiten eines Ferrari 458 Italia werden geboten, und wer einst Gefallen am McLaren-Mercedes SLR fand, der ist mit dem barocken SLS AMG besser bedient. Doch auch wenn nur Kenner den 12C auf Anhieb identifizieren: Seine Supercar-Proportionen sorgen automatisch für ein gewisses Sozialprestige.

Ist er praktisch und familientauglich? Familientauglichkeit ist nicht das Thema dieses Sportwagens, zwei Personen sind allerdings gut untergebracht. Eigentlich dürften die Sitze noch etwas schmaler sein, viel Seitenhalt wird dennoch geboten. Der Gepäckraum reicht für einen Pilotenkoffer und ein paar Tüten. Viel mehr gibt es in diesem Segment woanders auch nicht – außer vielleicht beim Porsche 911.

Höhepunkt? Die aerodynamische Bremse, die sich beim Abbremsen aus hoher Geschwindigkeit steil aufstellt. Ein erfreulicher Anblick im Rückspiegel und für die Hinterherfahrenden, der ein willkommenes rennsportliches Element in den Straßenverkehr transportiert.

Tiefpunkt? Das Navigationssystem – es hängt sich regelmäßig auf. Das möchte irgendwann auch der Fahrer tun, wenn er sich wiederholt nach dem Weg erkundigen muss und dabei den herausgefahrenen Zeitvorsprung verliert.

Kann ich ihn mir leisten? Vermutlich nicht. Der McLaren 12C Spider kostet stolze 200.000 Euro, was objektiv durchaus in Ordnung geht. Schließlich kann sich seine Fahrdynamik auch an Sportwagen messen kann, die das Doppelte kosten. Überdies hat sich der 12C bislang als ungewöhnlich wertstabil erwiesen.

© Fotos: McLaren / Text: Jens Meiners

Ein Gedanke zu „Angetestet: McLaren MP4-12C Spider

  1. So-ne ausfahrbare Air-Break find ich cool. Wo sonst Cabrio-Fahrer ihr Verdeck beim Fahren armselig zur Show bringen, hat’s hier wohl richtige Schub-Umkehr.

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