Angetestet: VW Jetta Hybrid

Angetestet: VW Jetta Hybrid – ein Beitrag von Jens Meiners

Vewirrung im Lager der Stromfreunde: Volkswagen baut einen Hybrid, und die Hybrid- und Elektro-Fans der ersten Stunde – es verbietet sich hier wohl, von “Gußeisernen” zu sprechen – suchen schon vor dem Marktstart das sprichwörtliche Haar in der Suppe. Da hilft kein Dreiliter-Lupo, kein Einliter-Auto – und eben auch kein Jetta Hybrid: In Wolfsburg sitzt für manchen Forenschreiber der Feind. Schließlich frönt man im Konzern bisweilen auch ungeniert der PS-Herrlichkeit.

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Verschwiegen wird da gerne, dass die deutsche Autoindustrie oft die Nase vorn hatte – auch bei der Elektrifizierung. Es gab den Golf City-Stromer, es gab den Audi duo. In die Großserie hat man die damals inferiore Technik nicht umgesetzt – im Gegensatz zu Toyota. Die Japaner bieten den Prius seit inzwischen fünfzehn Jahren an, und seit der zweiten Modellgeneration hat man auch das langfristige Leistungsvermögen der Batterie im Griff. Mit dem Jetta Hybrid kann nunmehr der Wettbewerb beginnen: Funktionieren Turbo-Benziner und Doppelkupplungs-Getriebe im Zusammenspiel mit dem Elektromotor besser als Atkinson-Benziner und stufenlose Automatik?

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Was ist das für ein Typ?
Opas Jetta – einstige Entwicklungsbezeichnung “Hummel” – hat sich vom Golf emanzipiert, auf deutschen Straßen bleibt die Stufenheck-Limousine ein Exot. Nur einmal wurde es in der Vergangenheit ambitioniert: Der kompakte und sportliche Bora sollte auf Geheiß von Konzernguru Ferdinand Piech den BMW 3er attackieren. Das funktionierte nur begrenzt, immerhin jedoch war das Fahrzeug im Straßenbild weit präsent. Sein Nachfolger – mit kitschigem Chromlatz – mißlang und rutschte in Europa ins Abseits. Das konservativ gezeichnete, aktuelle Modell zeigt nun abermals Ambitionen – und zwar mit der Hybrid-Variante, die (abgesehen vom teuren Touareg) eine Vorreiterrolle im VW-Programm einnimmt.

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Wie fährt er sich?
Für einen Hybriden sehr gut. Der 150-PS-Turbo-Benziner hängt hervorragend am Gas, der 27 PS starke E-Motor unterstützt wirksam und diskret. Unbefriedigend und künstlich ist das Pedalgefühl beim regenerativen Bremsen. Doch ansonsten läuft der Jetta prächtig, und ohne die entsprechende Instrumentierung würde man das komplexe Zusammenspiel der Triebwerke kaum bemerken. Besonders angenehm ist das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe, das blitzschnell die Übersetzungen wechselt. Der Turbo-Benziner klingt sonor und leise. Wer’s mag, kann auch rein elektrisch fahren. Die beliebte Show funktioniert bis zu Tempo 70 und bis zu zwei Kilometern Entfernung. Das kann der Prius nicht so gut. Auf der Autobahn wird der japanische Keil sogar hoffnungslos deklassiert.


Kann ich mich darin sehen lassen?
So schlecht sieht der Jetta ja gar nicht mehr aus. Hinzu kommt: Als Hybrid-Fahrer weist man sich zumindest in Deutschland als technisch interessierter, Neuem aufgeschlossener Zeitgenosse aus. In den USA sieht die Statistik allerdings ein wenig anders aus: Dort, wo sich Hybride massenhaft verkaufen, sind es eher die Diesel-Fahrer, die sich aus einer hochgebildeten und zahlungskräftigen Avantgarde rekrutieren. Es gibt dazu interessante Untersuchungen. Eines ist jedenfalls sicher: Der möglicherweise vorhandene volkspädagogische Impetus lässt sich mit anderen, eigenständig karossierten Hybriden besser ausleben.

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Ist er praktisch und familientauglich?
Ja, allerdings ist das Kofferraumvolumen durch den Batteriesatz eingeschränkt. Immerhin 140 Liter Stauraum gehen verloren.


Höhepunkt?
Die Präzision und Agilität des Antriebs, mit der sich dieser Hybrid fast schon als kompakte Sportlimousine präsentiert.


Tiefpunkt?
Die Sinnfrage, der sich jeder Hybrid stellen muss. Teurer und komplexer als mit einer Hybridisierung lässt sich kaum “sparen”; der Diesel kann fast alles genauso gut. Und die Möglichkeit, Kurzstrecken rein elektrisch zu fahren, ist – im Lichte der Abgasqualität moderner Automobile – ein völlig überflüssiger Gag.

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Kann ich ihn mir leisten?
Der Jetta Hybrid wird knapp 30.000 Euro kosten. Das ist nicht billig, aber in Anbetracht der Mehrleistung zum konventionellen 1.4 TSI vertretbar.