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Audi R8 Spyder Fahrbericht – Soundmachine

Dieser Fahrbericht könnte nach gut drei Zeilen beendet sein: Dach auf, Motor an, dem Sound des V10 lauschen und das Grinsen im Gesicht festnageln, wie das Kruzifix in einer bayerischen Kirche. Ist er aber nicht. Der neue Audi R8 Spyder ist schließlich eines der letzten Autos seiner Art, das auf Downsizing genauso pfeift, wie auf Aufladung. Hier, meine Damen und Herren, haben die Ingolstädter wohl das emotionalste Aggregat des Konzerns installiert, das dank Cabrio-Dach ungehindert mit den beiden Insassen kommunizieren kann. Und das in den schönsten Tönen.

Er ist eines der mittlerweile rarsten Motorenkonzepte überhaupt – der V10. Heute wird nicht nur an Zylindern und am Hubraum gespart – man sieht es unter anderem daran, dass sogar BMW mittlerweile Dreizylindermotoren mit 1.5 Litern Hubraum anbietet – sondern auch ein wenig an Emotion. Und wer hätte gedacht, dass gerade Audi ein Auto auf die Räder stellt, das vor Leidenschaft nur so sprüht. Mit den Ingolstädtern verbindet man eher teutonische Perfektion, die so weit von jeglicher Gefühlsduselei entfernt ist, wie es nur geht. Doch Audi hat es geschafft, beides zu verbinden.

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Vorne kurz, hinten lang: Der Audi R8 Spyder ist ein klassischer Mittelmotor-Sportler

Der Ingolstädter pfeift auf Downsizing

Und uns allen dürfte wohl klar sein, dass ein Sportwagen nicht ohne große Gefühle und Leidenschaft auskommen kann. Das hat Audi natürlich verstanden und ihm ein wirklich attraktives Äußeres beschert. So attraktiv sogar, dass ich finde, dass der Audi R8 Spyder besser aussieht, als das Coupé. Der Spyder wirkt lässiger und unangestrengter als die geschlossene Variante und bietet diese gewisse Nonchalance, die dem Coupé – vor allem dem Plus mit seinem Heckspoiler – abgeht. Zumindest im offenen Zustand. Geschlossen wirkt der Spyder zwar gewissermaßen klassisch, da er ein knappes Stoffmützchen über den Fahrgastraum spannt, doch richtig sexy sieht das nicht aus. Also genießt man den Audi R8 Spyder am besten mit heruntergelassenem Dach. Dafür bieten sich natürlich die eher sonnige Gebiete an, wie die Cote d´Adzur oder die Coasta Brava. Hier versammeln sich die schönen und vor allem Reichen, was gut ist, angesichts des Basispreises von 179.000 Euro. Dass der Spyder kein Schnäppchen ist, dürfte aber wohl kaum jemanden wundern.

Also kümmern wir uns um das Essentielle bei diesem Traumwagen: Das Design, die Fahrleistungen und die Art des Fahrens. Wie es sich für einen Mittelmotor-Sportwagen gehört, ist der Audi R8 Spyder von seinen Proportionen vorn eher kurz und hinten lang. Fährt man die Seitenscheiben herunter, lässt die Heckscheibe, die als zusätzliches Windschott fungiert, in ihrem Schacht verschwinden und öffnet das Dach, zeigt der Sypder eine schnörkellose Linienführung, die auf Anhieb begeistert. Und zwar nicht nur den Fahrer und seinen Copiloten, sondern auch viele Passanten und andere Verkehrsteilnehmer. Im Zwei-Minuten-Takt erntet man ausgestreckte Daumen und anerkennende Blicke.

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Aufgrund des Verdeck-Kastens lässt sich nur auf einen kleinen Teil des Motors blicken

Der Audi R8 Spyder gibt sich schnörkellos – ein echter Audi eben

Damit wären wir bereits bei einem der nächsten Punkte: Unauffällig kommt man mit diesem Fahrzeug nicht davon. Nahezu jeder dreht sich nach dem R8 um. Das kann viele Gründe haben: Zum einen wäre da die Ähnlichkeit zu seinem Vorgänger. „Ist das der neue Audi R8 Spyder oder ist das das Facelift?“ Ok, der Fairness halber: Das Cabrio zeigt sich wesentlich moderner und mit seinen Kanten der aktuellen Audi-Design-Sprache zugehörig. Doch die Ähnlichkeit ist bestechend und die Nachfrage berechtigt. Zum anderen liegt es klar am Sound des V10. Man ertappt sich, wie man direkt nach dem Start – ganz automatisch – zum Schalter für die Auspuffklappensteuerung am Lenkrad langt, um dem großvolumigen Aggregat die ungefilterten Töne abzuringen. Und das machen natürlich auch die Passanten im Straßencafé oder an der Straßenecke. Ich meine: zurecht!

Es ist unglaublich mit welcher Macht der V10 die Nackenhaare aufstellt. Egal, ob beim Starten, wenn der Anlasser lange orgelt und die zehn Brennräume anschließend laut bellend erwachen. Oder beim Durchfahren des gesamten Drehzahlbands. Egal, ob nun bei 1.500 oder bei 8.500 Umdrehungen, jeder Bereich hat seinen Reiz. Bei niedrigen Drehzahlen knurrt er bassig und massiert das Trommelfell sanft. Im mittleren Bereich wird sein Gesang hingegen rauer und aggressiver, dabei gleichzeitig etwas höher. Beim Ausdrehen hingegen kreischt das V10-Aggregat, dass es einem die Augen aufreißt und die Mundwinkel gen Himmel tackert. Und so erwischt man sich, dass man das Schalten gerne mal vergisst, nur um jeden Drehzahlbereich immer und immer wieder zu durchfahren. Am besten in einem Tunnel. Und so kommt es, dass man vor der Durchfahrt stark verlangsamt, nur um im Tunnel die Gänge ausfahren zu können. Und überhaupt: Ist es zu kalt oder zu nass, um das Dach herunter zu lassen, fährt man die Heckscheibe zwei oder drei Zentimeter herunter und genießt die große Show.

Der V10 singt Lieder, die sich unvergesslich in die Ohren eingraben

Dabei ist es nicht nur Show, die der Audi R8 Spyder bietet. Zumindest, was die Fahrleistungen anbelangt. Null-Hundert in 3,6 Sekunden, Topspeed 318 km/h. Bei Bedarf auch offen. Aber das ist nicht zu empfehlen, schließlich reißt der Wind stark durch den Innenraum und formt die Frisuren der Passagiere zu identischen Sturmschäden. Gefühlt ist der R8 Spyder mit seinen 540 PS – mit Verlaub – sauschnell. Aber so ganz mag man der Werksangabe von unter vier Sekunden nicht glauben schenken. Zumindest mit der Smartphone-Stoppuhr ergibt sich eine vier vor dem Komma. Und das trotz Launch-Control und Race-Modus.

Aber ist es wirklich das, was man vom Audi R8 Spyder verlangt? Klar, man ist von Audi absolute Perfektion gewohnt. Aber das Cabrio ist nicht gebaut, um auf der Rennstrecke die Hundertstel auf letzter Rille auszufahren. Er ist zum Cruisen, für den emotionalen Zwischenspurt oder die schnelle Heimfahrt nach dem abendlichen Kino-Besuch gedacht. Als aufsehenerregendes Shuttle zur Cocktailparty, als Pulsbeschleuniger oder einfach als Freudenspender. Dementsprechend ist es vollkommen egal, oder das Cabrio nun ein paar Zehntel schneller oder langsamer ist. Bei ihm kommt es nicht darauf an. Dazu passt auch die Fahrwerksabstimmung. Er ist nicht der unbarmherzige Rennwagen, der einem jede Rille und Vertiefung ins Kreuz hämmert. Zwar ist er keine Sänfte, doch taugt die Federung vollkommen zum Daily-Driver. Das vereitelt zwar der quasi nicht vorhandene Kofferraum, aber wen kümmert das ernsthaft? Schließlich ist der Audi R8 Spyder in seiner Basis doch ein reiner Sportwagen.

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Das Lenkrad ist mit Tasten überfrachtet – die Bedienung leidet

Der Audi R8 Spyder: Power-Criuser statt Rennstrecken-Skalpell

Dazu passt auch die restliche Abstimmung. Das Chassis fühlt sich unglaublich steif an. Geradezu so, als würde ihm nichts etwas anhaben können. Und so kommt es auch, dass der Spyder im Bereich der Schweller verstärkt wurde, um die Verwindungen so gering wie nur irgend möglich zu halten. Das tut natürlich auch dem Handling gut. Die Lenkung gibt sich geradezu optimal austariert. Sie bietet ein schönes Maß an Unterstützung, ohne aber das Gefühl zu verwässern. Dennoch sind die Rückstellkräfte in einem strammen Maß vorhanden, das einem das Anpeilen und Durchzirkeln von Kurven erleichtert.

Dies ist auch eines der bevorzugten Ausflugsziele des R8: Die kurvige Landstraße. Allradantrieb sei Dank, schiebt der Spyder voran, dass es eine Pracht ist und lässt jeden Gedanken an Traktionsverlust im Keim ersticken. Befreit man sich von den elektronischen Zügeln, schiebt er zunächst leicht über die Vorderräder, bevor er mit dem Heck leicht einlenkt und den Kurvenradius so verringert. Dabei sollte man wissen, was man tut, schließlich ist ein Allradler etwas diffizil zu fahren. Goldene Regel: Gehst Du aufs Gas, zieht sich das Auto gerade. Und so muss man schon sehr schnell in Kurven hinein fahren, um ein auskeilendes Heck zu provozieren. Daher rührt auch das Gefühl, dass der Audi R8 Spyder sehr handlich ist – und das trotz seiner knapp 1,8 Tonnen Lebendgewicht. Hier hilft das Getriebe viel. Galt die R-Tronic des Vorgängermodells noch als zweite Wahl, darf man die neue S Tronic als optimal für den R8 ausgelegt bezeichnen. Beim Herunterschalten legt sie in Sekundenbruchteilen den nächsten Gang ein, ohne dass man einen herben Schlag in den Nacken bekommt. Schaltzeiten gehören, sowohl beim Hoch-, wie auch beim Herunterschalten, der Vergangenheit an. Und wenn man nicht gerade mit dem Messer zwischen den Zähnen unterwegs ist, schaltet der Automatik-Modus sanft durch die Stufen.

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Mäusekino im Großformat: Durch die digitalen Instrumente wirkt das Interieur sehr aufgeräumt

Innen ist Zurückhaltung angesagt

So genießt man dann das Flanieren auf den Prachtmeilen dieser Welt und kann den Blick durch das chice Interieur schweifen lassen. Dabei wird man schnell feststellen, dass es hier gar nicht so viel zu entdecken gibt. Ein fetter Bildschirm in der Mittelkonsole? Fehlanzeige! Dafür aber bekommt man volldigitale Instrumente, die auch die Anzeige des Navis und der restlichen Fahrzeugeinstellungen anzeigen. Bedient wird das System entweder über vier Tasten und einen Dreh-Drück-Steller in der Mittelkonsole oder über die vielen Lenkradtasten. Soviel sei zum System gesagt: Die Handhabung über den Controller in der Mittelkonsole geht wesentlich leichter von der Hand, als über das Volant. Hier wird es arg unübersichtlich und umständlich.

War sonst noch etwas? Eigentlich nicht. Die Verarbeitung liegt auf dem Audi-typisch hohen Niveau, die Haptik ist überragend und das Design angenehm schlicht. Neu ist beim Audi R8 Spyder das Bang & Olufsen Soundsystem, das mit zwei zusätzlichen Lautsprechern in den Kopfstützen ausgestattet ist. Der Klang ist natürlich klasse, aber es hat einen entscheidenden Nachteil. Die dazugehörigen Sitze sind etwas dicker, als etwa die Schalensitze – die an dieser Stelle ausdrücklich empfohlen sein wollen – und schmälern so die Platzverhältnisse. Gerade als Großgewachsener sitzt man mit stark angewinkelten Beinen, was auf Dauer anstrengt. Deshalb, und wegen des besseren Seitenhalts, fällt die Wahl auf die Schalen. Und mal ehrlich: Wer braucht angesichts des umfassenden Klangspektakels des V10 schon ein ausgeklügeltes Soundsystem?

Fotos: Florian Roser