Es gibt Momente, da reibt man sich kurz die Augen. Nicht wegen eines neuen Elektroautos aus China, nicht wegen einer absurden Preisliste deutscher Hersteller und auch nicht wegen irgendeines „revolutionären“ SUV-Coupés mit beleuchtetem Markenlogo. Sondern weil plötzlich die FDP in Nordrhein-Westfalen um die Ecke kommt und eine Forderung aufstellt, bei der man sich ernsthaft fragt: Warum zur Hölle ist da vorher eigentlich noch niemand drauf gekommen?
Okay, dann habe ich mir gedacht, auf die Idee bin ich doch schon gekommen, in fast jedem Bericht über die Fahrzeuge und ganz ehrlich – ich bin hier unparteiisch, aber ich wusste gar nicht, dass die FDP irgendwo überhaupt noch aktiv Politik gestaltet und nicht ausschließlich damit beschäftigt ist, ihre eigene Existenzberechtigung zu suchen. Aber jetzt melden sich die Liberalen plötzlich mit einem Thema zurück, das tatsächlich einen realen Alltagsbezug hat. Und noch überraschender: Mit einer Forderung, die nicht nur sinnvoll klingt, sondern technisch, praktisch und sicherheitstechnisch absolut nachvollziehbar ist: 60 km/h anstatt 45 km/h für Leichtkraftfahrzeuge!
Denn ja, die aktuelle 45-km/h-Grenze für Kleinkrafträder und Leichtkraftfahrzeuge ist im Jahr 2026 ungefähr so zeitgemäß wie ein Kassettenadapter für Apple CarPlay. Aber warum sind 45 km/h eigentlich so problematisch?
Wer schon einmal hinter einem 45-km/h-Fahrzeug in einer echten Stadt unterwegs war, kennt das Problem. Tempo 50 ist innerorts der Standard. Praktisch fahren viele eher 55 km/h laut Tacho. Genau dort entsteht das eigentliche Risiko.
Denn Fahrzeuge mit 45 km/h werden permanent zum rollenden Verkehrshindernis erklärt. Nicht offiziell natürlich, aber emotional. Autofahrer hängen dicht hinten dran, riskieren fragwürdige Überholmanöver, schneiden beim Einscheren und erzeugen genau die Situationen, die eigentlich niemand haben will und schon gar nicht will man sein Kind in so einer Kiste rollen sehen mit Hinblick auf die anderen Verkehrsteilnehmer.
Das Absurde daran: Die Fahrzeuge selbst könnten oft problemlos schneller fahren. Sie dürfen nur nicht. Gerade bei modernen Elektro-Leichtfahrzeugen wirkt das inzwischen völlig aus der Zeit gefallen. Elektromotoren liefern sofort Drehmoment, viele dieser Fahrzeuge sind stabil genug konstruiert und technisch deutlich weiter als die knatternden Zweitakt-Mopeds der 1990er-Jahre, für die diese Regeln ursprünglich einmal gedacht waren.
Welche Fahrzeuge würde das überhaupt betreffen? Die Liste ist inzwischen erstaunlich lang. Vor allem elektrische Stadtfahrzeuge würden massiv profitieren. Betroffen wären unter anderem: Opel Rocks-e, Fiat Topolino, Citroën Ami, Microlino Lite aber auch zahlreiche elektrische Roller.
Gerade bei den kleinen Elektroautos wäre der Unterschied gigantisch. Ein Opel Rocks-e mit 60 km/h wäre plötzlich nicht mehr nur ein urbanes Spaßmobil für Kurzstrecken, sondern ein ernsthaft brauchbares Pendlerfahrzeug. Gleiches gilt für den Fiat Topolino oder den Citroën Ami. Denn aktuell endet die Nutzbarkeit dieser Fahrzeuge oft genau dort, wo der Verkehr minimal schneller wird.
Warum 60 km/h plötzlich einen riesigen Unterschied machen
Der Sprung von 45 auf 60 klingt erst einmal klein. In Wahrheit verändert er aber das komplette Fahrgefühl und vor allem die Wahrnehmung im Verkehr. Mit echten 60 km/h schwimmt ein Fahrzeug deutlich besser mit. Der Geschwindigkeitsunterschied zum restlichen Stadtverkehr schrumpft massiv. Und auch technisch ist das heute kaum noch ein Hexenwerk. Viele Elektro-Leichtfahrzeuge werden ohnehin künstlich elektronisch begrenzt. Die Plattformen selbst könnten häufig mehr.
Besonders interessant ist der Hinweis auf den ländlichen Raum. Dort wird das Thema nämlich schnell ernst. Für viele Jugendliche sind genau diese Fahrzeuge der erste Schritt in die eigenständige Mobilität. Und dort draußen fährt eben niemand freiwillig 45 km/h auf einer Landstraße, auf der der Rest mit 70 bis 100 km/h unterwegs ist. Das Problem ist real. Und jeder, der einmal erlebt hat, wie eng manche Autofahrer an Rollern oder Microcars vorbeiziehen, weiß, dass die aktuelle Situation nicht unbedingt ideal ist. Ja, natürlich müsste man über neue Führerscheinregelungen sprechen. Natürlich müsste man Crash-Sicherheit, Bremswege und Fahrzeugklassen sauber definieren. Und selbstverständlich wäre nicht jedes 45-km/h-Fahrzeug automatisch bereit für höhere Geschwindigkeiten. Aber genau deshalb sind Modellprojekte und neue Klassen wie ein mögliches „AM+“ eigentlich ein ziemlich vernünftiger Ansatz.
Das eigentlich Verrückte: Die Idee passt perfekt zur Elektromobilität
Und genau hier wird es spannend. Denn ausgerechnet die kleinen elektrischen Fahrzeuge könnten von dieser Änderung massiv profitieren. Während Hersteller uns immer größere Elektro-SUVs verkaufen wollen, wären leichte, effiziente Microcars eigentlich die logischere Antwort für viele Innenstädte. Weniger Platzbedarf, weniger Energieverbrauch, günstigere Akkus und geringere Betriebskosten.
Das Problem war bislang oft schlicht die Alltagstauglichkeit.
45 km/h wirken 2026 eben nicht modern, sondern künstlich kastriert. 60 km/h dagegen? Das wäre plötzlich ein echter Sweet Spot zwischen Roller, Kleinstwagen und urbaner Elektromobilität. Und ja, es fühlt sich ein bisschen absurd an, das zu sagen: Aber ausgerechnet die FDP bringt hier gerade einen Vorschlag auf den Tisch, der tatsächlich sinnvoll klingt.
