Audi RS5 Avant Test

Es gibt Autos, die versteht man sofort. Ein Dacia Sandero beispielsweise. Vier Räder, ein Motor, ein Lenkrad. Er fährt von A nach B und macht daraus kein Philosophiestudium. Und dann gibt es den neuen Audi RS5 Avant e-hybrid.

Ein Auto, das auf dem Papier ungefähr so logisch wirkt wie ein Kettensägenkurs in einer Bibliothek.

639 PS.
825 Newtonmeter.
0 auf 100 km/h in 3,6 Sekunden.
Ein V6 Biturbo.
Und gleichzeitig ein Plug-in Hybrid.

Mit über 22 kWh nutzbarer Batteriekapazität. Bis zu 83 Kilometer elektrische Reichweite. Und genau an diesem Punkt fängt mein Kopf an zu diskutieren. Mit sich selbst.

Denn eigentlich dürfte es dieses Auto gar nicht geben. Jahrelang wurde uns erklärt, dass die Zukunft elektrisch wird. Dass Verbrauch reduziert werden muss. Dass Leistung nicht alles ist. Dass Vernunft das neue Prestige sei. Und dann rollt Audi um die Ecke und baut einen Familienkombi mit fast 640 PS.

Die schönste Form von Übertreibung

Schon beim ersten Blick wird klar, dass dieser Audi nicht auf Bescheidenheit setzt. Der RS5 Avant steht neun Zentimeter breiter auf der Straße als ein normaler A5. Neun Zentimeter. Das ist ungefähr die Differenz zwischen einem normalen Bürostuhl und einem amerikanischen Ledersessel. Die Kotflügel sind breiter. Die Räder größer. Die Bremsen gewaltiger. Und die optionalen Keramikscheiben sehen so aus, als könnte man damit einen ICE abbremsen. Der RS5 wirkt nicht aggressiv.

Er wirkt selbstbewusst. Wie jemand, der genau weiß, dass er der Schnellste im Raum ist und es deshalb gar nicht mehr beweisen muss. Die vielleicht verrückteste Kombination des Jahres. Unter der Haube arbeitet ein 2,9 Liter großer V6 Biturbo. 510 PS. Allein. Früher hätte das für Schlagzeilen gereicht. Heute hängt Audi noch einen Elektromotor dazu.

177 PS zusätzlich. Zusammen ergibt das 639 PS. Man muss sich das kurz auf der Zunge zergehen lassen. 639 PS in einem Kombi. Mit Isofix. Mit Kofferraum. Mit Dreizonenklimaanlage. Mit beheizbaren Fondsitzen.

Und vermutlich irgendwo im Kofferraum auch noch Platz für den Wocheneinkauf, okay, der Kofferraum ist eher auf Kleinwagen-Niveau, aber das liegt am Akku, irgendwo müssen die Lithium-Ionen-Zellen ja platziert werden, aber früher war ein RS6 das Auto für Menschen mit akutem Leistungsüberschuss.

Heute fährt der kleinere Bruder praktisch auf dessen Niveau. Das eigentliche Problem heißt Alltag. Und genau hier wird es interessant. Denn die meisten RS Modelle verbringen ihr Leben nicht auf Rennstrecken. Sie stehen morgens im Berufsverkehr. Fahren zum Supermarkt. Bringen Kinder zur Schule. Stehen vor Bürogebäuden. Genau dafür wurde die Elektrifizierung erfunden.

Der RS5 kann viele dieser Strecken rein elektrisch fahren. Leise. Unauffällig. Fast schon vernünftig. Der Nachbar hört morgens keinen V6 mehr. Die Kinder werden emissionsfrei zur Schule gebracht. Und wenn man möchte, fährt man tagelang wie mit einem Elektroauto. Bis man die RS Taste drückt. Dann endet jede Vernunftdiskussion schlagartig. Der Wolf hat inzwischen einen Doktortitel

Früher war der RS4 der klassische Wolf im Schafspelz. Heute ist daraus ein Wolf geworden, der nebenbei Elektrotechnik studiert hat. Der neue RS5 besitzt ein Torque Vectoring System, das die Kraft aktiv zwischen den Hinterrädern verteilt.

Das klingt kompliziert. Ist es auch. Das Ergebnis ist jedoch einfach. Das Auto fährt Kurven, als würde es die Physik persönlich beleidigen wollen. Man lenkt ein. Man gibt Gas.

Und der Audi zieht um die Ecke, als wäre seine Masse irgendwo unterwegs verloren gegangen. Dabei wiegt das Auto alles andere als wenig. Aber moderne Fahrwerkstechnik ist inzwischen derart gut geworden, dass Zahlen auf Datenblättern manchmal erstaunlich wenig mit dem Fahrerlebnis zu tun haben.

Die eigentliche Überraschung sitzt hinter dem Lenkrad

Das größte Lob verdient Audi nicht für die Leistung. Nicht für die Beschleunigung. Nicht einmal für die Technik. Sondern für die Sitze. Das klingt banal. Ist es aber nicht. Viele Sportwagen bauen fantastische Fahrwerke und vergessen den Menschen. Audi macht es anders. Die Sportsitze bieten Halt, ohne zu foltern. Sie funktionieren auf der Rennstrecke genauso wie auf einer sechsstündigen Urlaubsfahrt.

Genau deshalb versteht man plötzlich, warum Menschen solche Autos kaufen. Nicht wegen der Viertelmeile. Sondern weil sie alles können. Die große Frage nach der Zukunft. Natürlich kostet der Spaß Geld. Viel Geld.

Über 100.000 Euro sind eine Ansage

Dafür bekommt man auch zwei gut ausgestattete Elektro-SUV. Oder vier Dacia Sandero. Oder einen gebrauchten Porsche oder eine Wohnmobil.

Die Rechnung kann jeder selbst aufmachen. Interessanter finde ich allerdings eine andere Frage. Ist der RS5 Avant e-hybrid vielleicht einer der letzten seiner Art? Ein großer Sechszylinder. Elektrifiziert. Aber noch mit Verbrennungsmotor. Noch mit Schaltwippen. Noch mit Auspuff. Noch mit diesem besonderen Gefühl, wenn 825 Newtonmeter gleichzeitig an den Rädern zerren.

Vielleicht schauen wir in zehn Jahren auf dieses Auto zurück wie heute auf die letzten frei saugenden V8. Als Übergangsmodell. Als technisches Bindeglied. Als Fahrzeug aus einer Zeit, in der Ingenieure noch einmal alles zusammengeworfen haben, was möglich war.

Verbrenner. Elektromotor. Familienkombi. Sportwagen. Reiseauto. Alltagsfahrzeug.

Und dabei etwas erschaffen haben, das eigentlich gar nicht funktionieren dürfte. Der Audi RS5 Avant e-hybrid ist kein Vernunftauto. Aber vielleicht ist er die vernünftigste Form von Unvernunft, die man derzeit kaufen kann:

Ihr wollt es ausführlicher? Dann empfehle ich euch den Audi RS5 Avant e-Hybrid Test drüben auf einfach elektrisch!