Ganz ehrlich: Das Design des Ferrari Luce ist kein mutiger Befreiungsschlag. Es ist ein ästhetischer Offenbarungseid. Dieses Auto wirkt, als hätte Ferrari unbedingt beweisen wollen, dass ein elektrischer Ferrari nicht mehr nach Ferrari aussehen muss. Mission erfüllt. Leider auf die falsche Art.
Ich habe bewusst eine Nacht darüber geschlafen, weil die erste Reaktion vielleicht zu hart gewesen wäre. Ich wollte nicht im Affekt urteilen. Ich wollte dem Auto eine Chance geben. Ich wollte mir einreden, dass da vielleicht eine zweite Ebene steckt, eine gestalterische Tiefe, ein genialer Gedanke, den man erst einmal entschlüsseln muss. Aber genau darin liegt schon das Problem: Ein Ferrari sollte nicht entschlüsselt werden müssen. Ein Ferrari muss einschlagen. Sofort. Direkt. Ohne Designseminar. Ohne Fußnote. Ohne Begleittext.
Von vorn sieht der Luce nicht nach Maranello aus, sondern nach einem überteuerten Designergerät, das versehentlich Räder bekommen hat. Diese flächige Front mit dem schmalen Leuchtenband wirkt nicht aggressiv, nicht sinnlich, nicht gefährlich. Sie wirkt glattgebügelt, höflich und merkwürdig harmlos. Kein Raubtier. Kein gespannter Muskel. Kein Drama. Kein inneres Beben. Eher ein Luxus Staubsauger aus dem Apple Store, der gelernt hat, freundlich zu blinzeln. Und genau das ist bei einem Ferrari fast schon ein Verbrechen am eigenen Mythos.
Die Seitenlinie macht es nicht besser. Große Räder, schwarze Glaskuppel, futuristische Proportionen, alles irgendwie teuer, alles irgendwie gewollt, aber nichts davon wirkt zwingend. Der Luce sieht aus, als hätte man einen Ferrari 400, einen Hyundai Ioniq 5, einen Smart Crossblade und eine Designlounge auf der Mailänder Möbelmesse in denselben Mixer geworfen und danach so getan, als sei das Ergebnis Absicht gewesen.
Natürlich kann man sagen: Das ist neu. Das ist anders. Das ist progressiv.
Ja. Kann man.
Man kann auch einen Teller Spaghetti gegen die Wand werfen und anschließend behaupten, das sei eine neue Interpretation italienischer Linienführung. Besonders bitter wird es am Heck. Die runden Rückleuchten sollen vermutlich an große Ferrari Momente erinnern. 360 Modena. 458 Italia. Diese Ära, in der Ferrari Heckansichten bauen konnte, die einem den Puls hochgejagt haben. Beim Luce sitzen diese Leuchten aber in einer schwarzen Fläche, die eher nach Retro Küchenradio, Arcade Automat oder Kühlschrank für Millionäre aussieht. Das ist nicht sexy. Das ist nicht brutal. Das ist nicht elegant. Das ist ein Heck, das so lange reduziert wurde, bis die Emotion mitreduziert wurde.
Und das ist der eigentliche Skandal. Nicht, dass Ferrari etwas Neues gewagt hat. Ferrari darf Neues wagen. Ferrari muss Neues wagen. Gerade beim ersten Elektroauto. Aber neu allein reicht nicht. Anders allein reicht nicht. Ein Ferrari darf nicht nur interessant sein. Er muss begehrenswert sein. Der Luce wirkt jedoch nicht begehrenswert. Er wirkt erklärungsbedürftig. Und sobald ein Ferrari erklärt werden muss, hat das Design bereits verloren.
Sind die Designer Luschen?
Das Wortspiel liegt bei Luce natürlich auf der Straße wie ein schlecht befestigter Frontsplitter. Aber nein, die Designer sind vermutlich keine Luschen. Das macht die Sache leider nicht besser. Denn wenn ein schlechtes Design aus Unvermögen entsteht, kann man noch sagen: Pech gehabt. Wenn es aber aus voller Überzeugung entsteht, mit berühmten Namen, großer Geste und sehr viel intellektuellem Überbau, dann wird es richtig unangenehm.
Der Luce entstand nicht irgendwo im Hinterzimmer eines Praktikantenbüros, sondern mit LoveFrom, also mit Jony Ive und Marc Newson. Das ist keine kleine Nummer. Das ist die Königsklasse der Produktästhetik. Genau deshalb ist das Ergebnis so frustrierend. Hier waren keine Amateure am Werk. Hier waren Menschen am Werk, die ganz bewusst einen Ferrari entworfen haben, der weniger nach Ferrari aussieht als nach einem Designobjekt, das gerne ein Auto wäre.
Ferrari wollte offenbar keinen elektrischen Roma, keinen leisen Purosangue, keinen 296 GTB mit Ladebuchse. Man wollte einen radikalen Schnitt. Eine neue Formensprache. Reduktion. Klarheit. Reinheit. Ein Objekt. Ein Statement.
Schön. Nur leider ist aus dem Statement kein Traumwagen geworden, sondern eine rollende Designthese, meiner Meinung nach! Wie gesagt: Geschmacksache!
Der Luce wirkt für mich wie ein Auto, dem man im Entwicklungsprozess Stück für Stück das Ferrari Gen ausgetrieben hat. Jede Kante zu viel wurde geglättet. Jede Aggression wurde domestiziert. Jede sinnliche Spannung wurde unter dem Deckmantel der Reinheit wegrationalisiert. Am Ende steht da kein elektrischer Ferrari, der die Zukunft emotional auflädt, sondern ein Ferrari, der so aussieht, als hätte man ihn durch einen Designfilter gejagt, bis nur noch Konzept, Glas und Selbstzufriedenheit übrig waren.
Man erkennt die Absicht. Natürlich erkennt man sie. Die elektrische Plattform erlaubt andere Proportionen. Die Aerodynamik verlangt saubere Flächen. Der Innenraum soll luftig sein. Die Marke soll in eine neue Zeit geführt werden. Alles nachvollziehbar. Alles erklärbar. Aber genau da liegt die Falle: Erklärbar ist nicht automatisch schön. Reduziert ist nicht automatisch elegant. Mutig ist nicht automatisch gelungen.
Und vor allem ist ein Ferrari kein Möbelstück.
Ein Ferrari muss beim ersten Blick einen Stich setzen. Er muss etwas auslösen, das man nicht erst argumentativ herleiten muss. Ein Testarossa musste nichts erklären. Ein F40 musste nichts erklären. Ein 458 musste nichts erklären. Selbst ein Purosangue, so umstritten das Konzept auch war, hatte Präsenz. Der Luce dagegen steht da und scheint zu sagen: Bitte lies erst das Designmanifest, bevor du mich beurteilst.
Nein. Genau das ist zu wenig.
Ferrari hat mit dem Luce technisch offenbar ein Monster gebaut. Vier Motoren, 1.050 PS, 800 Volt, große Batterie, unfassbare Fahrleistungen, aktive Aerodynamik, Allradlenkung, Torque Vectoring, alles drin, alles dran. Dieses Auto könnte der Beweis sein, dass elektrische Ferrari Modelle nicht das Ende der Emotion bedeuten. Und dann zieht man diesem technischen Wahnsinn ein Kleid an, das aussieht, als hätte jemand beim finalen Designreview vergessen, die Leidenschaft wieder einzuschalten.
Vielleicht bin ich einfach zu blöd dafür. Vielleicht verstehe ich dieses Design nicht. Vielleicht wird der Luce irgendwann als visionärer Geniestreich gefeiert. Vielleicht stehen die Kunden Schlange, während ich hier sitze und mich frage, ob in Maranello während der finalen Freigabe gerade Stromausfall war. Es wäre Ferrari zu gönnen, wenn der Luce funktioniert. Wirklich. Aber der bittere Eindruck bleibt: Dieses Auto sieht nicht aus wie der elektrische Aufbruch einer Legende. Es sieht aus wie der Versuch, eine Legende in ein sehr teures Designmöbel einzusperren.
Was kostet der Ferrari Luce?
Der Preis ist noch nicht offiziell bestätigt, aber der Blick in die Glaskugel dürfte irgendwo um 550.000 Euro landen. Mit ein paar Extras steht vermutlich sehr schnell eine 6 vorne. Und genau an diesem Punkt wird die Sache endgültig absurd.
Für rund 600.000 Euro erwartet man keinen Ferrari, den man sich schönreden muss. Man erwartet keinen Wagen, bei dem man sich erst durch Designphilosophie, Aerodynamikargumente und Elektroplattformlogik arbeiten muss, bis man vorsichtig anerkennt, dass da vielleicht doch eine Idee dahintersteckt. Für dieses Geld will man morgens in die Garage gehen, das Licht einschalten und kurz vergessen, wie Atmen funktioniert.
Beim Luce könnte es eher passieren, dass man das Licht einschaltet und sich fragt, ob die Designer wirklich das letzte Wort hatten oder ob am Ende ein sehr teures Komitee gewonnen hat. Technisch mag dieses Auto ein Meilenstein sein. Optisch wirkt es wie der Beweis, dass man mit unfassbar viel Geld, enormem Talent und berühmten Namen trotzdem ein Auto zeichnen kann, das mehr erklärt als verführt. Und das ist bei Ferrari nicht nur schade. Das ist gefährlich.
Denn wenn dieser elektrische Ferrari am Ende nicht so einschlägt, wie er technisch einschlagen müsste, werden manche wieder behaupten, die Menschen wollten keine Elektroautos. Oder keine elektrischen Ferrari. Vielleicht stimmt das aber gar nicht. Vielleicht wollen sie nur keinen Ferrari, der aussieht, als müsse man ihn erst verstehen, bevor man ihn lieben darf.
