Ford Focus ST TDCI | Fahrbericht | Test | Fotos

Der Ford Focus ST TDCI lockt die Blicke auf sich – vor allem im knalligen Sunset-Gelb Metallic, in dem der Kompakte vorgefahren kam. An jeder Straßenecke schauten die Passanten, an jeder Ampel wollte es ein Halbstarker wissen. Das kann zwar nervig sein, doch zeigt es klar den sportlichen Anspruch von Ford, den man mit Krachern wie dem Ford Focus RS in die Köpfe der Leute eingebrannt hat. Hat der Focus ST mit seinem 2.0 Liter Diesel und 185 PS auch das Zeug zur Legende?

Design – Der Ford Focus ST fällt auf

Der Ford Focus ST meint es von außen betrachtet durchaus ernst. Schweller, Schürzen, Dachflügel: An sportlichen Insignien mangelt es dem Kölner nicht. So empfängt einen an der Front ein weit aufgerissenes Kühlergrill-Maul mit Wabennetz-Vergitterung und ST-Logo. Eine Etage darunter warten zudem drei große Lufteinlässe darauf, in jemandes Rückspielgel aufzutauchen. Dabei kann die Frontpartie dann und wann auch für Probleme sorgen: So manche Bremsschwelle – auch Krefelder Kissen genannt – kam der Schürze bedenklich nahe. Schuld daran ist wohl der lange vordere Überhang. Weiß man das, kann man sich aber gut damit arrangieren.

Betrachtet man die seitliche Linienführung, fällt einem die stattliche Außenlänge des Ford Focus ST erst so richtig auf. Mit 4,63 m Außenlänge überragt er den Klassenprimus VW Golf um gut zehn Zentimeter. Ansonsten fallen gerade seitlich, die nicht eben mächtigen 17-Zoll-Leichtmetallfelgen auf. Das Format ist aber der Winterbereifung geschuldet, schließlich wird der Focus ST ab Werk mit standesgemäßen 18-Zöllern ausgeliefert. Davon ab legt der ST eine keilförmige Linienführung an den Tag, die prompt gefällt und seinen dynamischen Anspruch hervorhebt.

Der ungewöhnliche Endtopf ist ein deutliches ST-Signet

Auch am Heck zeigt der Kölner vollen Sportsgeist. Die tiefgezogene Heckschürze beherbergt einen mittigen Endschalldämpfer, der mit seiner eckigen Formensprache seinesgleichen sucht. Eine Etage weiter oben erwartet einen die recht flach stehende Heckscheibe, die nur einen eingeschränkten Blick nach hinten zulässt und die Rückfahrkamera fast schon zur Pflicht werden lässt. Und wer bis jetzt noch nicht die sportlichen Ambitionen des Ford Focus ST wahrgenommen hat, bekommt sie spätestens beim Betrachten des Dachspoilers auf dem sunset-gelben Tablet serviert. Das Format des Leitwerks ist schon etwas groß, wird von jenem des großen Bruders, dem Ford Focus RS, aber noch übertrumpft. Dennoch fällt es schwer, mit dem Focus ST übersehen zu werden, gerade im strahlenden Gelb. Halbstarke Hobby-Rennfahrer sehen an nahezu jeder Kreuzung zu einem herüber und deuten ein Ampelrennen an. Und auch der DHL-Bote war beim Abholen einer Sendung neidisch und schlug einen Tausch mit seinem Kastenwagen vor (kein Scherz). Die Wahl der Farbe will also bewusst getroffen werden.

Innenraum – Sportlich-enge Höhle

Beim Öffnen der Fahrertür strahlen einem zwei Schriftzüge entgegen: Zum einen natürlich der obligatorische ST-Schriftzug und zum anderen das auf die Seitenwangen genähte „Recaro“. Mit großen Erwartungen nimmt man Platz, um dann verwundert festzustellen, dass die Sitze recht gewöhnungsbedürftig ausfallen. Um eines vorweg zu sagen: Der Seitenhalt ist gut – kein Zweifel. Aber irgendwie haben es die Entwickler von Ford und vom Sitzspezialisten zu gut gemeint mit dem Sportsgeist. Die Fauteuils drücken und zwicken zu sehr, engen ein und lassen die Hand schnell zu den Verstelltasten langen. Aber Pustekuchen: Weder lässt sie die Weite der Seitenwangen verstellen, noch gibt es eine Lordosenstütze. Zudem sind die Sitze für Großgewachsene zu hoch montiert. Schade, dabei sucht man gerade in einem Wagen wie dem Ford Focus ST nach einer sportlich-tiefen Sitzposition. Angenehm hingegen ist die ausziehbare Schenkelauflage, die gerade auf Langstrecken für eine Komfortsteigerung sorgt.

Sportlich-eng, aber gut zu bedienen: Der Innenraum des Focus ST

Hat man den etwas kneifenden Sitz verarbeitet und lässt den Blick über das Armaturenbrett schweifen, merkt man schnell, dass nicht nur die Sitze zwicken, sondern der gesamte Raumeindruck eher knapp ist. Der Armaturenträger ragt weit in den Fahrgastraum und wirkt mit seiner hohen Bauweise etwas drückend. An der Funktionalität gibt es hingegen wenig auszusetzen. So lassen sich die Armaturen bestens Ablesen, die Klimaregelung kinderleicht verstehen und auch das Infotainment bestens bedienen. Alles ist gut erreichbar, das Sportlenkrad liegt gut in der Hand. Und nach etwas Eingewöhnung ist auch die Struktur der Lenkradtasten und des zugehörigen Infodisplays zwischen den Rundinstrumenten verstanden. Das passt ebenso, wie die Abwesenheit digitaler Instrumente. In ein sportliches Auto gehören meiner Meinung nach klassische, runde Tuben, wie sie eben der Ford Focus ST bietet. Mit seinen roten Instrumenten-Nadeln wird zudem etwas Sportsgeist versprüht, der dem Armaturenbrett ansonsten leider abgeht. Einziges Sport-Indiz bleiben die drei keinen, aufgesetzten Instrumente auf der Mittelkonsole. Hier lassen sich Öltemperatur, Ladedruck und Öldruck (v.l.n.r.) anzeigen. Nicht unwichtige Anzeigen, die leider immer seltener in einem Auto anzutreffen sind.

Unverständlich, warum die äußeren Lüftungsdüsen nicht geschlossen werden können

Das etwas knappe Raumangebot der ersten Reihe zeigt sich auch im Fond. Sitzen vorn große Passagiere, wird es für die Knie und Beine der hinteren Mitreisenden schon etwas knapp. Nett hingegen ist, dass auch die Rückbank von Recaro stammt und mit einer etwas stärker ausgeprägten Polsterung daherkommt. Beim Kofferraum liegt der Focus ebenfalls nur im Durchschnitt: Seine 363 Liter Ladevolumen lassen sich zwar gut beladen, da die Kofferraumklappe weit aufschwingt, dennoch bieten die anvisierten Mitbewerber hier etwas mehr.

Fahreindrücke – Gesund ist, was hart macht

Aber ein Ford Focus ST ist ein sportliches Auto und will bewegt, anstatt nur im Stand beäugt werden. Also Startknopf drücken und Ohren auf: Was folgt ist nicht etwas das raue Dröhnen eines Turbo-Benziners, sondern das leise Nageln eines Diesels. Interessiert lässt man den Wahlhebel des Powershift Automatikgetriebes in Stufe „D“ rasten und fährt los. Sauber nimmt der Diesel das Gas an und drückt die Insassen kraftvoll in die Sitze. Dabei schafft es das Direktschaltgetriebe sich Ruckler zu verkneifen und wechselt die Fahrstufen schön geschmeidig. Schade nur, dass es schnell in Hektik verfällt anstatt die satten 400 Nm ihren Dienst verrichten zu lassen. Schon bei kleinen Gaspedalbewegungen schaltet es herunter und lässt den Motor grummeln. Im S-Modus des Getriebes werden die Gänge zudem unnötig lange gedreht, was nicht zum Diesel passt, da ihm im oberen Drehzahlbereich die Luft ausgeht. Ein nettes Gimmick: Die Schaltwippen am griffigen Lenkrad, die man aber selten bemüht. In einem sportlichen Fahrzeug aber nice to have.

Die Recarositze packen zu, sind aber auch eng und hoch eingebaut

Kommen wir zum Sahnestück, dem 2.0 TDCI mit 185 PS. Seine 400 Nm stehen bei 2.000 U/min parat und lassen den Kölner in Verbindung mit dem Powershift-Getriebe in 7,7 Sekunden auf 100 km/h spurten. Leichtfüßig dreht der Selbstzünder hoch und gibt über einen Sound-Symposer einen sportlichen Klang in den Innenraum. Das mag einerseits erfreuen, wirkt durch den etwas künstlichen Klang aber teilweise zu dramatisch. Wie dem auch sei: Lässt man den rechten Fuß eisern auf dem Gaspedal, spurtet der Focus ST TDCI rasch auf 180 km/h. Erst danach ebbt das sportliche Potential etwas ab. Die Höchstgeschwindigkeit von 217 Stundenkilometern erreicht der Kölner (laut Tacho) aber dennoch zügig. Der kombinierte Verbrauch von 4,2 Litern im Schnitt ist hingegen ein reiner Papierwert. Im zügigen Alltag mit erhöhtem Stadtanteil kommt man auf rund sieben Liter, während lange Autobahnpassagen bei Tempi vonr und 140 bis 150 km/h mit unter sechs Litern belohnt werden. Zwar ist das immer noch mehr, also die Werksangabe vorgibt, aber dennoch respektabel. Bei längeren Vollgasfahrten genehmigt sich der TDCI zudem nicht mehr als 8,5 Liter – was zu einer zügigen Fahrweise einlädt.

Kraftwerk: Der 2.0 TDCI tritt mit 185 PS und 400 Nm kräftig an

Das kann man auch über das Fahrwerk sagen. Kurven jeder Art belächelt der Focus ST nur müde und gibt mit seiner Gefühlvollen Lenkung jederzeit gute Rückmeldung. Lässt man es zu wild angehen, drängt das Heck spaßfördernd nach außen, bevor die Fahrdynamik maßregelnd eingreift. Schade nur, dass die aufgezogenen Winterreifen früh an Haftung verlieren und öfter zu druchdrehenden Rädern führen. Viel nachdrücklicher bleibt aber die Nachgiebigkeit der Feder-Dämpfer-Abstimmung im Gedächtnis. Bei schnellen Tempi angenehm straff, teilt das Fahrwerk bei niedrigen Geschwindigkeiten arge Prügel aus. Topfebene Westentaschen-Strecken werden noch genauer in den Rücken gestempelt, als es einem lieb ist. Wie die Auslegung erst mit den serienmäßigen 18-Zoll-Felgen mit geringerem Querschnitt ausfällt? Diese Auslegung passt unter dem Strich nicht zu einem Alltagssportler – etwas mehr Sänfte wäre wünschenswert. Immerhin gibt es noch den Focus RS, zu dem diese Abstimmung besser passt. Erwähnenswert ist hingegen der saubere Druckpunkt des Bremspedals. Ein teigiges Gefühl ist dem Focus ST ebenso fremd, wie ein langer Pedalweg, bis endlich etwas passiert. So baut man eine Bremse.

Praktisch: Der selbst ausfahrende Türkantenschutz rundum

Fazit – Harter Hund mit gutem Herz

Am Ende bleibt ein zwiespältiger Eindruck vom Ford Focus ST TDCI zurück. Das nicht gerade üppige Platzangebot, die engen Vordersitze und vor allem das trockene Fahrwerk schrecken ab. Der bärenstarke Vierzylinder-Diesel mit seinen 400 Nm maximalem Drehmoment, die tolle Lenkung, das gut zu bedienende Infotainment und der wirklich gute Alltagsverbrauch überzeugen hingegen. Nur beim Preis muss man etwas schlucken: Der vollausgestattete Testwagen kam auf über 40.000 Euro. Allein der knallige Lack fällt mit gut 1.200 Euro ins Gewicht. Den Aufpreis kann man sich sparen, da die anderen Metallic-Lacke für 565 Euro in der Preisliste stehen. Und einen weiteren Posten kann man sich sparen: Bei der Wahl des Getriebes sollte man zur Sechsgang-Handschaltung greifen. Damit ist man selbst Herr der Lage und kann stressfrei das Drehmoment seine Arbeit verrichten lassen. Zudem passt das Getriebe einfach besser zu einem sportlichen Fahrzeug, wie dem Ford Focus ST.