Toyota Prius PHEV – Fahrbericht | Test | Fotos

Jeremy Clarkson ist bekennender Toyota Prius-Feind – aber der Brite ist ohnehin eher kontrovers zu betrachten. Nicht von ungefähr kam sein Rauswurf aus der erfolgreichsten Auto-Serie der Welt – Top Gear. Während der Brite aneckt, vermeidet der Japaner dies, wo er nur kann. Der neue Toyota Prius wirkt optisch zwar immer noch außergewöhnlich, beim Fahren ist er aber ein sehr kultivierter Geselle. Zumindest in den meisten Verkehrssituationen. Wir sind den neuen Toyota Prius PHEV – also den Plug-In Hybriden – mit gewachsener elektrischer Reichweite gefahren.

Ziemlich genau 20 Jahre ist es nun her, als die Japaner den ersten Toyota Prius vorstellten. Ein Ruck ging durch die Autowelt, schließlich zeigte man den hubraumstarken Spritschleudern, dass es auch anders geht. Bald fuhren Hollywoodstars sowie jene, die etwas auf sich hielten und ihr Öko-Gewissen auch nach außen tragen wollten, einen Prius. Heute gehört der Hybrid zwar immer noch nicht zu den gewohnten Verkehrsteilnehmern auf unseren Straßen, aber die Augen fallen einem nicht gleich aus dem Gesicht, wenn man den Japaner erblickt.

Die doppelt geschwungene Heckscheibe erinnert ein wenig an den Peugeot RCZ

Design – Enterprise, bitte kommen!

Dabei ist die Karosserie gar nicht zu übersehen. Der gut 4,65 Meter lange Hybrid ist nämlich alles, nur nicht konventionell gezeichnet. Die Formensprache des Toyota Prius PHEV ist unkonventionell, aber gefällig. Im Kontrast zu seinem Bruder ohne Plug-In-Funktion blickt jener nämlich eine Spur grimmiger aus seinen Matrix-LED-Scheinwerfern. Diese sind bei allen Plug-In-Varianten übrigens serienmäßig. Ansonsten ziert die Front eine neue Schürze. Gleichzeitig wartet das Heck mit überarbeiteten Formen auf. Besonders spannend ist hier nicht nur die Zweiteilung der Heckscheibe durch die Rückleuchten-Einheit, sondern eher der doppelte Schwung der oberen Heckscheibe. Geschuldet ist das Design natürlich der Aerodynamik. Je geringer der Luftwiderstand, desto geringer auch der Verbrauch – logisch, oder? Und so ist die Zweiteilung der Heckscheibe sogar recht sinnvoll. Heutzutage ein anderes Fahrzeug zu finden, bei dem man den unteren, rückwärtigen Bereich ohne Hilfsmittel so gut einsehen kann, wie beim Toyota Prius PHEV, ist nahezu unmöglich. Dennoch hat der Hybrid eine Rückfahrkamera – ebenfalls serienmäßig.

Sonnenanbeter: Der Toyota Prius PHEV ist optional mit Solardach erhältlich

Innenraum – Avantgarde zum Wohlfühlen

Wie sollte es anders sein – der Innenraum ist natürlich nicht unter das Kapitel „gewöhnlich“ zusammenzufassen. Das hätte aber auch nicht zum extrovertierten Äußeren gepasst. So nimmt man auf den etwas konturlosen Sitzen in Reihe eins Platz und findet zahlreiche Bildschirme vor. Das wirkt zunächst ungewohnt, passt aber schon nach wenigen Metern gut. Durch die mittige Anordnung der Elemente wirkt alles schön aufgeräumt und clean. So blickt man ganz links auf einen Bildschirm, der die Geschwindigkeit und Reichweite anzeigt, daneben ein Display, das verschiedene Darstellungen annehmen kann. So etwa den Sprit-Spar-Coach, der mit seinen maximal 100 zu erreichenden Punkten eine neue Herausforderung beim Autofahren bereithält.

Ungewohntes Cockpit, in das man sich aber schnell einfindet. Verschachtelte Lenkrad-Bedienung

Mittig erwartet einen schließlich das Infotainment. Das 8-Zoll-Gerät lässt sich per Touch bedienen, gibt sich recht zügig zu durchschauen, könnte hier und da aber ein paar hübschere Grafiken vertragen. Zudem fehlt der Drehregler zur Verstellung der Lautstärke. Ein kleiner Schnitzer, den wir aber auch am neuen Skoda Octavia oder VW Golf zu monieren haben. Aber ganz ehrlich: Das Infotainmentsystem des Toyota Prius PHEV ist immer an Bord – also absolut serienmäßig. Zudem integriert es die eingangs erwähnte Rückfahrkamera – ebenfalls serienmäßig. Gibt es dann noch einen ernsthaften Grund zum Nörgeln?

Keinen Grund zum Nörgeln bieten zudem die Platzverhältnisse. Vorn, wie hinten fühlt man sich gut aufgehoben. Große wie kleine Fahrer finden schnell eine angenehme Sitzposition. Und auch in Reihe zwei zwickt es nicht. Das verwundert zunächst, schließlich fällt das Dach nach hinten recht stark ab. Aber an Kopffreiheit mangelt es hier nicht. Zudem muss man sich vor Augen führen, dass der Prius irgendwie auch in die Kompaktklasse gehört. Und hier gibt es zahlreiche Kandidaten, die weniger Platz bieten. Nur beim Kofferraum muss der Japaner ein klein wenig federn lassen. Mit 360 Litern liegt er unter dem Volumen der Mitbewerber à la Golf, Astra und Co. Grund dafür ist die Batterie, die sich unter dem Kofferraumboden verbirgt. Aber Hand aufs Herz: Die 20 Liter, die dem Prius PHEV gegenüber den anderen fehlen, dürften wohl als marginal abgestempelt werden, oder?

Die 360 Liter Ladevolumen reichen im Alltag vollkommen aus

Fahreindrücke – Der Toyota Prius PHEV wirkt entschleunigend

Sollte es doch jemandem auf die paar Liter Kofferraumvolumen ankommen, der darf sich mit dem umweltschonenden Antrieb entschädigt betrachten. Zwar geht der Trend eher dazu, dass man sich vom Kabel verabschiedet, doch gilt das eher für Smartphones und deren gleichen. So lädt man den Plug-In Hybriden an der heimischen Steckdose oder einer Starkstrombox per Kabel. Ist der Akku voll, kann man mit sinnvollem „Gas“einsatz bis zu 50 km rein elektrisch fahren. Sogar mit einem maximalen Tempo von 135 km/h. Die sehr effektive Rekuperation – also die Bremsenergierückgewinnung – hilft dabei die Reichweite hoch zu halten. Und so entwickelt sich eine ganz neue Art des Fahrens.

Das stufenlose Getriebe sorgt teilweise für ein unangenehmes Jaulen des Motors

Man versucht nicht mehr möglichst schnell von A nach B zu kommen, sondern möglichst sparsam und effizient. So tritt man das Gaspedal nicht mehr stark durch, sondern streichelt es oftmals nur noch. Zudem fährt man vorausschauender. Kündigt sich eine rote Ampel am Horizont an, geht man sachte vom Gas und versucht die Nadel der Energie-Anzeige möglichst lange im „Charge“-Bereich (laden) zu halten. Sollte man dennoch einmal das Verlangen nach einem zügigen Sprint haben, schaltet sich der Benziner nicht sofort zu. Die 163 Nm, die der Elektromotor bereitstellt, sind ab dem Stand verfügbar und sorgen für nachdrücklichen Schub.

Keine Ausgeburt an Sportlichkeit, dafür an Ökonomie

Auf langen Etappen oder im Vollast-Bereich schaltet sich der Benziner natürlich hinzu – und das bleibt nicht unbemerkt. Unter unangenehmem Gejaule hält das CVT-Getriebe den 1.8er bei Leistungsabruf auf der „optimalen“ Drehzahl, was recht angestrengt klingt. „Heizen“ mag man mit dem Toyota Prius PHEV so nur kurz. Dafür ist er aber auch nicht gemacht, der PHEV. Obwohl sich sein Datenblatt für ein ökologisch besonders verträgliches Fahrzeug gut liest. Als Gesamtleistung stehen 122 PS bereit, die den Hybriden in 11,1 Sekunden auf 100 km/h hieven. Ende ist bei elektronisch abgeriegelten 169 km/h. Dann steigt der Verbrauch aber natürlich über das angegebene Maß von exakt einem Liter und 7,2 kWh. Aber wie gesagt: Für die schnelle Kurvenhatz ist der Japaner nicht gemacht. Zu gemütlich ist sein Fahrwerk, zu groß die Wankbewegungen bei schnellen Autobahnkurven, zu rückmeldungsarm die Lenkung.

Stört das irgendjemanden wirklich? Wohl kaum. Ich für meinen Teil freue mich immer, wenn ich einen Prius auf den Straßen sehe. Wirklich häufig sieht man diesen Japaner – trotz 300.000 verkauften Einheiten in 20 Jahren in Europa – schließlich nicht. Und man kann sich sicher sein, dass der Fahrer es gut mit der Umwelt meint. Und wer kann sich schon daran stören. Zumal der Fahrer noch recht solvent sein sollte. Für die Basis-Ausstattung werden mindestens 37.550 Euro fällig. Trotz reichhaltiger Ausstattung kein Pappenstiel.

Voll-LED-Scheinwerfer sind bereits in der Basis enthalten. Die ist allerdings kein Schnäppchen